#aufstehen

Ich unterstütze persönlich und mit diesem Blog Sahra Wagenknechts Initiative #aufstehen.

Der Hass und die Häme, die Frau Wagenknecht von links nach Bekanntgabe des Starttermins 4. September teilweise entgegenschlägt – u.a. beobachtet auf Twitter -, ist beschämend und zeigt wieder einmal, dass linke Kräfte eins am Besten können: sich selbst zerfleischen. In der Vergangenheit ging es dabei meist um den richtigen Weg – Evolution vs. Revolution  oder Fundamentalopposition vs. Regierungsbeteiligung, also Streitpunkte strategischer Natur. Diesmal geht es um einen angeblich von Wagenknecht propagierten Nationalismus.

Internationalismus heißt jetzt Globalisierung

Was linke Wagenknecht-Kritiker – besonders infam immer wieder Tomasz Konicz auf Telepolis – gerne übersehen, ist, dass eine der Säulen des Sozialismus, nämlich der Internationalismus, längst von den Neoliberalen unter dem Label „Globalisierung“ usurpiert wurde. Globalisierung heute hat nichts – wie ich einmal schwärmerisch-naiv dachte – mit dem Schillerschen „Alle Menschen werden Brüder“ zu tun. Und schon gar nichts mit „Proletarier aller Länder vereinigt Euch!“ Vielmehr hat es zu tun mit global herrschenden Finanzkartellen, global vernetzter Überwachung durch Geheimdienste, mit global die neoliberalen Narrative vorgebenden sozialen Medien mit dem Ziel der totalen wirtschaftlichen (Bargeld-Abschaffung!) und mentalen Kontrolle von uns Erdenbürgern. Globalisierung ist auch: Acht Männer besitzen soviel wie die ärmere Hälfte des Globus. Dreieinhalb Milliarden Menschen kommen gegen diese acht nicht an. Weil Klassenkampf auf dieser Ebene, in diesen Dimensionen, keine Chance hat.

Wir Linken müssen den Internationalismus zunächst von der Prioritätenliste streichen. Wenn wir dem Neoliberalismus beikommen wollen, dann schaffen wir das nicht auf EU-Ebene, denn die EU ist selbst ein neoliberales (Entdemokratisierungs-)Projekt. Wenn wir aktiv am Weltfrieden mitwirken wollen, ist die EU (von der NATO ganz zu schweigen) genausowenig die geeignete Plattform, solange etwa die baltischen Länder den kalten Krieg gegen Russland schüren. Wir müssen zurück zu kleineren Entitäten, die die Möglichkeiten haben, gesetzgeberisch gegen Neoliberalismus, Kriege und Waffenhandel vorzugehen. So verstehe ich Lafontaine/Wagenknechts viel gescholtenen „Nationalismus“, der nichts anderes ist, als ein Ausstieg aus dem scheinbar alternativlosen System, das die Umverteilung von unten nach oben betreibt und uns in die Beteiligung an Kriegen „zwingt“. Übrigens hat kein Linker aufgeschrien beim Ausstieg aus der Atomenergie, obwohl es ein nationaler Alleingang war.

Ich selbst habe meine Kindheit in mehreren Ländern verbracht, wobei ich mich jeweils schnell heimisch und integriert fühlte. Nationalismus ist mir daher fremd und zuwider. Sollte ich je den Eindruck gewinnen, dass #aufstehen Menschen auf Grund von was auch immer ausgrenzt, bin ich raus.

#aufwecken

Bewusst übernahm ich am Anfang nicht Wagenknechts Terminus Sammlungsbewegung, sondern sprach von einer Initiative. Bewegungen kommen in der Regel von unten und das scheint mir hier nicht der Fall zu sein. Ich sehe zwar ein riesiges Potenzial – vor allem im Nichtwählerbereich -, aber bevor dieses Potenzial aufsteht, müsste es erst einmal geweckt werden. Denn Deutschland, im Gegensatz zu Frankreich etwa, liegt im Tiefschlaf der akzeptierten Alternativlosigkeit einer ungerechten Welt. Weil Politik, Medien und Propagandaorganisationen wie die Initiative neue soziale Marktwirtschaft 15 Jahre lang den Deutschen die Notwendigkeit neoliberaler „Zumutungen“ eingeredet haben, bis es in den Köpfen festsaß. Daraus folgt: #aufstehen muss duch das Aufzeigen machbarer Alternativen erst mal #aufwecken.

Um nicht eine Bewegung von oben zu bleiben, sollte sich #aufstehen unbedingt mit Bewegungen von unten vernetzen, beispielsweise mit Stuttgart 21-Gegnern, Umweltgruppen und Friedensaktivisten. Und sich mit Organisationen wie DIEM25 oder La France Insoumise zusammenzutun, um – zweigleisig, national und international – Druck zu machen. Sonst wird das nichts.

Euphorie kann ich noch nicht vermelden. Denn allzuoft habe ich Linksableger scheitern sehen, von den Demokratischen Sozialisten des Bundestagsabgeordneten Karl-Heinz Hansen über die schändlich-peinliche Entwicklung der Grünen bis zur Spitze der Linken, die mir die Partei mit Leuten wie Lederer, Atlantikbrücken-Liebich und Kipping mit ihrem permanenten „Querfront“- und „Antisemitismus“-Getöse zunehmend madig machen.

Eine Bewegung mit Starttermin klingt allzu statisch. Nennen wir den 4. September doch einen fliegenden Start. Ich wünsche Sahra, Oskar und uns allen größtmöglichen Zuspruch und Erfolg. Auf dass  Menschlichkeit und Frieden wieder eine realistische Option werden.

 

2 Antworten to “#aufstehen”

  1. Sid Olin sagt:

    Nur kurz zum Thema Globalisierung v/s Internationalismus. Beide gleichzusetzen (wie es die neoliberal unterwanderte Scheinlinke tut) ist grundfalsch.

    Sind unsere Sprachkenntnisse denn schon so verlottert? Inter-Nationalismus, was die ollen Linken – zu denen ich mich auch zähle – wollten, setzt doch die Existenz von Nationen voraus.

    • Anarchrist sagt:

      Internationalismus ist ein Weg hin zur Aufhebung der nationalen Strukturen. Die Aufhebung von etwas funktioniert nur, wenn es dieses ‚Etwas‘ auch gibt, ganz richtig. Und wenn wir permanent in einer Welt angekommen sind, wo es keine Nationen mehr gibt, wird der Begriff auch nach und nach aus dem Alltag verschwinden. Das Konzept Nation ist dann ueberfluessig. Wir sind dann Erdenbuerger oder was anderes

      Bitte die longitudinale Ausbreitung nicht vergessen. Prozesse haben immer einen Zeitfaktor.

      Sprache ist mehr als einfach nur Code. Sprache lebt.

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