Das Trauma Trump und Trumps Trauma. Gabor Maté über die Psychologie von Russiagate

Der kanadische Arzt, Sucht- und Traumaforscher sowie Buchautor Gabor Maté traf sich jüngst mit seinem Sohn, dem Journalisten Aaron Maté (The Grayzone, The Nation) zu einem denkwürdigen, aufschlussreichen und faszinierenden Interview, um über den psychologischen Hintergrund der Russland-Obsession, den Zustand der US-Gesellschaft und Donald Trump zu reflektieren. Das Transkript dieses Gesprächs befindet sich auf der Grayzone-Website. Ich habe einen Auszug dieses Transkripts übersetzt.

27:10 Minuten in englischer Sprache

Amerika im Zustand der Realitätsverweigerung

Aaron

Wir haben nun diesen zwei Jahre dauernden Leidensweg mit Russiagate hinter uns gelassen und befinden uns in einer neuen Phase, nachdem Robert Mueller das von so vielen erwartete Ermittlungsergebnis, eine Trump-Russland-Verschwörung, nicht liefern konnte. Wie hast Du all das wahrgenommen?

Gabor

Interessant ist, dass man im Nachgang zu Muellers Paukenschlag – keinerlei Beweise für Absprachen – über die Enttäuschung der Leute angesichts dieses Ergebnisses lesen konnte.

Enttäuschung heißt, dass man etwas erwartet und ein Geschehen herbeiwünscht, aber es passiert nicht. Dies bedeutet, einige wollten, dass Mueller Beweise der Absprache findet, was wiederum heißt, dass sie emotional engagiert waren. Es ging nicht nur darum, dass sie die Wahrheit wissen wollten. Sie wollten, dass die Wahrheit auf eine bestimmte Weise aussieht. Und wenn wir wollen, dass die Wahrheit auf eine bestimmte Weise aussieht, hat dies mit emotionalen Bedürfnissen zu tun und nicht nur mit Interesse an der Realität. (…)

Ich habe dieses ganze Russiagate-Phänomen von Anfang an verfolgt; es schien mir sehr viel Emotionalität im Spiel zu sein und hatte wenig mit den Tatsachen in diesem Fall zu tun.

Gar keine Frage, dass für viele Menschen in diesem Land die Wahl Trumps ein traumatisches Ereignis war. Als Reaktion auf ein Trauma – also man ist verletzt, empfindet Schmerz, man ist durcheinander, verängstigt und verwirrt – hat man im Grunde zwei Möglichkeiten. Eine wäre, dass man den Schmerz, die Verletzung, die Irritation und die Angst annimmt, um dann zu versuchen herauszufinden, wie man in diese Situation geraten ist.

Oder, statt sich mit den Emotionen auseinanderzusetzen, findet man irgendeine Erklärung, die einem die Gefühle erträglicher machen.

Ich habe also diesen Schmerz, diese Angst, diese Verwirrtheit. Ich frage mich, was es über die amerikanische Gesellschaft aussagt, dass so ein Mann überhaupt kandidieren, geschweige denn gewählt werden konnte? Was sagt es über die amerikanische Gesellschaft aus, dass soviele Leute überzeugt waren, dass dieser Mann eine Art Retter sein konnte? Was sagt es aus über die Spaltung und die Konflikte, über die Widersprüche und echten Problemen in dieser Kultur? Und wie sprechen wir diese Themen an?

Das kann man sich anschauen. Oder man sagt, hinter alldem muss ein Teufel stecken. Und dieser Teufel ist eine ausländische Macht namens Putin und Russland. So hat man eine einfache Erklärung, die einem eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Schmerz, der eigenen Angst, dem eigenen Trauma erspart.

(…) Es ist einfach tröstlicher, zu glauben, dass ein Feind am Werk ist, als herauszufinden, was es über unsere Gesellschaft aussagt.

Ich denke, der Hauptgrund, der zur Wahl dieses traumatisierten und traumatisierenden Individuums zum Präsidenten führte, war eine massive Verdrängung der tatsächlichen Dynamiken in der amerikanischen Gesellschaft.

Aaron

Weil Du glaubst, dass Donald Trump selbst traumatisiert ist?

Gabor

Oh, Donald Trump ist geradezu der Prototyp eines traumatisierten Politikers. Er befindet sich in einem Zustand andauernder Realitätsverweigerung. Er bläht sich selbst zu Größe auf. Sein ureigenes Selbstbild ist das eines Nobody. Deshalb muss er sich ständig groß machen und der Welt beweisen, wie mächtig und schlau er ist. Die Kompensation eines schrecklichen Selbstbildes. Er kann nichts und niemandem Aufmerksamkeit schenken, was bedeutet, dass er wirr im Kopf ist, weil es zu schmerzhaft für ihn war, aufmerksam zu sein.

Worum es geht: um eine Kindheit mit einem diktatorischen, das Kind herabsetzenden Vater und einer schwachen…

Aaron

Fred Trump, sein Vater…

Gabor

… der seine Kinder erbarmungslos gedemütigt hat. Einer von Trumps Brüdern trank sich zu Tode. Und Trump kompensiert all dies, indem er versucht, sich so groß und mächtig und erfolgreich wie möglich zu machen. Und natürlich kompensiert er die Wut über seine Mutter, die ihn nicht geschützt hat, indem er Frauen bedrängt, ausbeutet und öffentlich damit prahlt. Ich denke, wir haben es mit einem klaren Beispiel von Trauma zu tun. Ich sage das nicht, um Sympathie für Trumps Politik zu erwecken. Ich beschreibe nur, was das für ein Mann ist. Und die Tatsache, dass ein derart traumatisiertes Individuum in eine Position gewählt werden kann, die gemeinhin als die mächtigste der Welt bezeichnet wird, deutet auf eine traumatisierte Gesellschaft.

So wie Individuen die Realität verweigern können, kann es es auch eine Gesellschaft. Diese Gesellschaft leugnet massiv ihr eigenes Trauma, in diesem speziellen Fall das Trauma dieser Wahl.

Im weiteren Verlauf des Interviews legt Gabor Maté dar, wie die USA, die sich in Permanenz in das Schicksal anderer Länder einmischen, dieses Verhalten im Fall von Russiagate auf Russland projizieren und sich selbst zum Opfer stilisieren. Es geht auch um die psychologische Erklärung für die Frage, wie es sein kann, dass sich die amerikanische Gesellschaft so schwach und verwundbar fühlt, dass sie Russland die Schuld für ein als katastrophal empfundenes Wahlergebnis geben muss.

 

5 Antworten to “Das Trauma Trump und Trumps Trauma. Gabor Maté über die Psychologie von Russiagate”

  1. fidelpoludo sagt:

    „Ich habe also diesen Schmerz, diese Angst, diese Verwirrtheit. Ich frage mich, was es über die amerikanische Gesellschaft aussagt, dass so ein Mann überhaupt kandidieren, geschweige denn gewählt werden konnte? Was sagt es über die amerikanische Gesellschaft aus, dass soviele Leute überzeugt waren, dass dieser Mann eine Art Retter sein konnte? Was sagt es aus über die Spaltung und die Konflikte, über die Widersprüche und echten Problemen in dieser Kultur? Und wie sprechen wir diese Themen an?“
    Was sagt es über einen Analytiker aus, der den „Russiagate-Hoax“ zwar durchschaut – seit wann übrigens? Jetzt ist es keine Kunst mehr -, aber mit seinem Trumppsychoramm implizit feststellt, dass Hillary wohl die richtige Wahl gewesen wäre, deren Psychogramm er uns vorenthält und was es über die Demokraten, ihre Sympathiesanten und Anhänger aussagt, dass sie weder gegen die Kriegstreiber Bush und Obama auf die Straße gegangen sind, noch die kriminelle Kriegstreiberin und Wahlbetrügerin (Sanders) auch nur im Ansatz zu verhindern gedachten.

  2. Pique Dame sagt:

    Na ja, Hillary war nicht das Thema des Interviews. Dem Vater Maté zu unterstellen, er sei für Clinton gewesen, finde ich nicht ganz redlich. Sohn Maté ist jedenfalls ein ausgewiesener Clinton-Gegner.

  3. fidelpoludo sagt:

    Sie mögen Recht haben. Allerdings beharre ich darauf, dass die „linken“ liberalen Kräfte ihr eigenes erschreckende Ausmaße annehmendes Versagen zunächst selbstkritisch ins Auge zu nehmen hätten, bevor sie sich am politischen Gegner abarbeiten, den gerade ihr Versagen mit aufgebaut hat. Der „Deep State“ scheint als zu analysierendes Moment nicht nur nicht auf ihrer Agenda zu stehen, sondern als Tabu betrachtet zu werden. Das sieht bei Trump und seinen Anhängern – wie unzureichend auch immer – anders aus.

  4. fidelpoludo sagt:

    Übrigens finde ich Ihre „Must Watch“- Vorschläge ausgezeichnet!

  5. Liebe Pique Dame,

    ich würde in die Diskussion um die Frage, was den an Hillary vielleicht anders, oder gar besser gewesen wäre auf folgenden Artikel verweisen:https://www.counterpunch.org/2016/10/12/obama-stepped-back-from-brink-will-hillary/
    oder noch deutlicher:
    https://de.sputniknews.com/politik/20161109313292875-wimmer-wahlentscheidung-us-krieg/

    Ich war heilfroh, das Donald die Wahl gewonnen hat. Nicht weil ich ein Macho bin oder sonst so ein Quatsch, sondern weil mir Hillary echt Angst gemacht hat.

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