Der hybride Journalismus des George Webb

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14. Juni 2017: In der US-Stadt Charleston wird nach einer Warnung vor einer „schmutzigen Bombe“ an Bord eines Schiffes das Hafenterminal evakuiert. Stundenlang geht nichts mehr. Nun stellt sich heraus: Die Behörden reagierten offenbar auf eine Verschwörungstheorie.

Wie alles begann

Im Jahre 2013 engagierte Chelsea Clinton Eric Braverman als CEO der Clinton Foundation, um den Korruptionsvorwürfen nachzugehen und in der Stiftung „aufzuräumen“. Nachdem im Sommer 2016 Wikileaks Material der Clinton Foundation veröffentlichte und durch die geleakten E-Mails von John Podesta, Hillary Clintons Wahlkampfmanager, herauskam, dass Podesta Braverman der Leakerei in der Stiftung verdächtigte, ward Braverman nicht mehr gesehen. Berichte, er hätte in der russischen Botschaft um Asyl gebeten, bestätigten sich nicht.

Nun verschrieb sich vor genau 236 Tagen ein Mann namens George Webb (eigentlich George Sweigert) der Aufgabe, Eric Braverman aufzuspüren. Er veröffentlichte täglich mehrere durchnummerierte Videoclips auf Youtube, in denen er anhand von selbstgebastelten Storyboards herumspekulierte, angebliche Verbindungen aufdeckte, connecting the dots. Hier ein Beispiel:

 

 

Dabei war die Absicht, seine Zuschauer an diesem „Bürgerjournalismus“ nicht nur teilhaben zu lassen, sondern die unter seinen Videos kommentierende Schwarmintelligenz für seine „Ermittlungen“ zu nutzen (crowd sourcing). Nachdem Webb in der Braverman-Story nicht recht weiterkam, weitete er sein Themenspektrum aus, widmete sich allen möglichen unaufgeklärten und von der Mainstreampresse weitgehend ignorierten Verbrechen und Geheimdienstoperationen, er deckte „ratlines“ auf, also Strukturen etwa des illegalen Organhandels, beschäftigte sich mit mysteriösen Todesfällen, die alle in Verbindung mit der Demokratischen Partei stehen, unter anderem auch mit dem Fall Seth Rich.

Die Awan-Brüder

In den letzten Wochen stand ein wirklich aberwitziges Geschehen im Mittelpunkt: Drei pakististanische Brüder namens Awan, seit geraumer Zeit im Kongress als IT-Mitarbeiter für mehre demokratische Abgeordnete angestellt, mit fulminanten Gehältern und einer Top-Secret-Freigabe versehen, hatten vollen Zugang zu allen Daten des Geheimdienstausschusses und der Homeland Security und verwalteten die Hardware (Laptops, Blackberries) samt Passwörter vieler Abgeordneter. Nachdem Dutzende von Geräten eines Tages verschwunden waren, konnten sich zwei der drei Brüder trotz laufender Ermittlungen nach Pakistan absetzen; sie werden dort von höchster Stelle geschützt. Warum gerade die wegen des Bernie-Betrugs geschasste ehemalige Vorsitzende der Demokraten, Debbie Wasserman Schultz, die Awan Brüder protegiert hat (Erpressung?), wird hoffentlich in Bälde aufgeklärt. Auch warum just in ihrem Wahlkreis Miami eine Atlantikwelle vor zwei Wochen den ermordeten Staatsanwalt Beranton Whisenant an den Hollywood Beach spülte. Er beschäftigte sich hauptsächlich mit Visa-Missbrauch …

Wer ist George Webb wirklich?

George Webb ist eine ebenso schillernde wie undurchsichtige Figur. Er war in seinem früheren Leben, wenn man seinem LinkedIn-Eintrag glauben darf, als Vertriebler und Marketingmanager für Computerfirmen tätig. Nun verkauft er seinen Zuschauern obsessiv seine Theorien. Seit einiger Zeit hat er sich von seinen Storyboards verabschiedet und sendet aus dem „Feld“, im Auto, in den belebten Straßen von New York und Washington, er geht Wege von Mordopfern ab und klingelt an Türen von deren Nachbarn: eine reality soap investigation show. Sein „Geheimdienstsprech“ und seine „Geheimdienstdenke“ nährt die Vermutung, dass er einen entsprechenden Hintergrund hat, zumindest beruft er sich gerne auf Mossad-Quellen.

Sein Bruder David Sweigert, eine ebenso undurchsichtige Gestalt, hat sich kürzlich im Internet geäußert: seine Familie distanziere sich von George, der eigentlich in psychiatrische Behandlung gehöre.

Die Gefahr des hybriden Journalismus

Der Umstand, dass die US-Massenmedien ihrer investigativen Aufgabe nicht mehr gerecht werden und alles schlucken, was ihnen die Geheimdienste vorsetzen – von Massenvernichtungswaffen im Irak über hackende Russen bis zum versuchten Raub bei Seth Rich -, hat zur Folge, dass we the people die Ermittlungen über das Vehikel Internet selbst in die Hand nehmen wollen. Eine Entwicklung, die verständlich, aber alles andere als ungefährlich ist. Wenn sich Hobbyermittler auf Geheimdienstterrain tummeln, sich in den deep state hineinbohren und ihre Zuschauer auffordern, mit zu ermitteln, hört der Spaß auf.

Anfang Mai veröffentlichte George Webb ein Video, in dem er behauptete, er sei jetzt bereit, den Mörder von Seth Rich zu identifizieren. Er zeigt ein Foto und den vollen Namen des Mannes. Auf Youtube wird viel zensiert, aber dieses verantwortungslose Treiben wird merkwürdigerweise toleriert. Webb äußerte sich kürzlich auch in Sachen Braverman: seine Quellen sagen ihm, dieser sei jetzt in Sicherheit bei seinem Bruder in einem israelischen Kibbuz, soundsoviele Meilen südlich von Tel Aviv. Es fehlt nur, dass er noch die Adresse bekannt gibt.

Vor einigen Wochen hat sich der von Hollywood frustrierte Doku- und 3D-Filmemacher Jason Goodman Webb angeschlossen. Genauso manisch wie Webb, nur ohne dessen Charisma, produziert er täglich livestreams, in denen er George Webb und Andere interviewt. So auch gestern.

Webb erzählt im Stream, er hätte von einer sehr vertrauenswürdigen Quelle gehört, dass ein neues 9/11 bevorstehe: es drohe – initiiert durch die Awan-Brüder! Alles hängt bei George ja immer mit allem zusammen! – der Einsatz einer schmutzigen Bombe, eventuell in Memphis. Bei einem Brainstorming entwickeln sie den Gedanken, dass diese Bombe nicht in Memphis gezündet wird, sondern sich auf dem Frachtschiff Memphis befindet, das am selben Abend in Charleston einläuft. Die ersten Zuschauer rufen bereits im Hafen an und warnen. Es kommt zur Evakuierung des Terminals, wie eingangs beschrieben, zu einem riesigen FBI-Einsatz mit Schutzanzügen und Geigerzähler.

George Webb, der womöglich unter Paranoia leidet, und seine Anhänger haben der Freiheit des Internets einen Bärendienst erwiesen. Wer derart verantwortungslos mit Informationen hantiert, möglicherweise unschuldige Menschen in Gefahr bringt und Aktionen wie die Hafenevakuierung provoziert, sollte daran gehindert werden. Der Staat hat nun ein schlagkräftiges Argument an die Hand bekommen, die Zensur zu verschärfen, auch auf Kosten von vernünftigen Videobloggern.

Thank you, George Webb.

Update: George Webb wurde gestern Abend verhaftet. Nicht wegen der Memphis-Geschichte, sondern wegen einer Trunkenheitsfahrt.

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