Europa, mon amour

Europa, mon amour, weißt Du eigentlich, was Du mir warst? Du warst mir Heimat, mehr als Bayern, viel mehr als Deutschland. Ich habe mich bei Dir die längste Zeit sicher und eingebettet gefühlt; das gemeinsame Erbe der griechischen Philosophie, des römischen Rechts, des britischen Parlamentarismus, des italienischen Rinascimento, der französischen Revolution und der grenzüberschreitenden Aufklärung tief im Herzen.

Feuer und Flamme war ich als sich ein großer Teil von Dir zum gemeinsamen Wirtschaftsraum und anschließend zu einer politischen Union hin entwickelt hat. Ich erinnere mich gut als ich bei der Neuanmeldung eines Autos fünf Mark beim Kauf des Europa-Nummernschilds drauflegte, das damals gerade eingeführt wurde und keineswegs Pflicht war. Und der Empfang meines ersten europäischen Passes war ein Gänsehautmoment, ich schwebte mit erhabenem Gefühl aus dem Einwohnermeldeamt.

Europa, mon amour, vielleicht war ich zu lange zu naiv. Erste Zweifel an Dir kamen mir als Berlusconi in Italien Regierungschef wurde. Warum, rätselte ich, kann dieser Mann, den ich, den kein Deutscher gewählt hat, über meine, über unsere Lebensverhältnisse mitentscheiden? Und dann die Abstimmungen über eine europäische Verfassung: Manche Länder durften via Volksentscheid mitwirken, andere nicht. Ist das nicht zutiefst ungerecht, fragte ich mich.

Und was ist das nur für ein komisches Parlament, dessen Debatten nicht im Fernsehen übertragen werden und von dem man nicht viel mehr weiß als dass es wenig zu sagen hat und durch permanente, irrwitzige Umzüge zwischen Straßburg und Brüssel horrende Summen verschlingt? Wo die Abgeordneten im Länderproporz sitzen statt nach dem „one man one vote“-Prinzip?

Du wurdest größer, ma chère Union, was ich grundsätzlich gar nicht schlecht fand. Von mir aus hättest Du gerne noch die Türkei und Russland mit aufnehmen können. Aber so wars wohl nicht gedacht. Stattdessen wurdest Du – besonders als sich die meisten Mitglieder eine eigene Währung gegeben haben –  immer deutscher.

Europa, mon amour, ich habe mittlerweile einen Verdacht. Kann es sein, dass Du gar kein demokratisches Friedens-Projekt bist, sondern Dich hast missbrauchen lassen als Versuchskaninchen für ein neoliberales Globalisierungsexperiment? Mal gucken, wie die Leute so reagieren, wenn man eine Staatsaufgabe nach der anderen auslagert in ein politisches Gebilde, das unausgegoren und mit zahlreichen Defiziten in Sachen Demokratie und Gewaltenteilung behaftet ist? Und wenn Du Dich so umsiehst, drängt sich Dir nicht auch der Gedanke auf: Experiment gelungen, Patient tot? Ist der Brexit nicht der Anfang vom Ende?

Mon amour, hunderttausende gehen Dir von der gestirnten Fahne. Diese Europäer wieder einzufangen ist Monsieur Macron, der große Reformator, angetreten. Er möchte ein europäisches Militär und ein (lächerlich kleines) EU-Budget. Genau das Richtige, um die Menschen für dieses Projekt ein- und mitzunehmen und zu begeistern. Mon Dieu!

Wenn Dir noch irgend etwas an mir liegt, mon amour, dann mach Dich demokratisch, sorge für angeglichene Lebensverhältnisse, beende die deutsche Vorherrschaft mit ihrem Austeritätsdiktat und werde zu einer proaktiven Friedenskraft auf dem Globus. Gegen eine  stark subsidiär-strukturierte Republik Europa (der Regionen) würde ich mich nicht sträuben, machbare Konzepte liegen vor –  Yanis V. und Ulrike G. grüßen.

Ansonsten hast Du mich verloren, Europa. Amour passé.

 

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