Grusel-Journalismus: Über die Axiomatisierung von politischen Meinungen und Glaubenssätzen

Was wir seit mindestens fünf Jahren – und in nie gekannter, hemmungsloser und obsessiver Radikalität seit dem Zusammentreffen von Trump und Putin am Montag – in den Haupt- und Leitmedien der westlichen Welt zum Thema Russland zu lesen, zu sehen und zu hören bekommen, kann mit Verbreitung von Narrativen, einseitiger und propagandistischer Berichterstattung nicht mehr hinreichend beschrieben werden.

Wir haben es inzwischen mit der rigorosen Axiomatisierung einer politischen Weltanschauung zu tun. Ein Axiom ist in der Naturwissenschaft ein Satz, der nicht ableitbar ist und keines Beweises mehr bedarf. Die wichtigsten Axiome heißen in unserem Fall bekanntlich schlicht:

Axiom Nr. 1: Die USA sind die Anführer der freien Welt, und was immer sie tun, ist richtig und gut.
Axiom Nr. 2: Verbrechen und Völkerrechtsverletzungen begeht grundsätzlich der Russe.

Wer immer diese in Beton gegossenen Glaubenssätze hinterfragt, findet sich ganz schnell im Lager der antiamerikanischen Verschwörungstheoretiker wieder. Dazu zählt nunmehr auch Präsident Trump, unter anderem weil er seinem eigenen Land eine Mitschuld an der Verschlechterung der Beziehungen zu Russland zugewiesen hat.

Beispiel: SPON-Autor Roland Nelles

Die Axiomatisierung des transatlantischen Narrativs führt dann schon mal zu mentalen Ausfällen, wie sie der Spiegel-Online-Autor Roland Nelles erleidet. Er schreibt am 16. Juli unter dem Titel „Zum Gruseln“:

Wladimir Putin missachtet die Menschenrechte im eigenen Land, er führt in Syrien seit Jahren einen Krieg gegen Frauen und Kinder und er verstößt mit der Annexion der Krim dauerhaft gegen das Völkerrecht. Er ist kein Mann, mit dem der US-Präsident als Anführer der freien Welt eine Männerfreundschaft oder Kumpanei zelebrieren sollte.

Wer sich noch nicht gänzlich der Dauergehirnwäsche der Atlantikpresse anheimgegeben hat, merkt: Dies ist ein hinterhältiger und gefährlicher Text, dessen Absurdität der Postillon mit diesem herrlichen Stück illustriert:

Putin in der Kritik, weil er Menschenrechtsverletzungen der USA nicht angesprochen hat

Nach seinem Treffen mit dem US-Präsidenten steht der russische Präsident Wladimir Putin im eigenen Land schwer unter Beschuss. Russische Medien und Politiker werfen ihm vor, dass er sich ohne Vorbedingungen mit Donald Trump getroffen habe. Insbesondere habe Putin es versäumt, bei dem Treffen US-amerikanische Menschenrechtsverletzungen und Verstöße gegen das Völkerrecht anzusprechen.

„Putin ging es nur darum, sich selbst zu inszenieren“, kritisiert etwa der Duma-Abgeordnete Nikolai Smirnow. „Bei dem Treffen mit Trump kam ihm kein Wort der Kritik über die Lippen.“

Dabei, so Smirnow, hätte es zahlreiche Punkte gegeben, die Putin hätte ansprechen können: „Die Menschenrechtsverletzungen im Gefangenenlager Guantanamo, den Drohnenkrieg mit jährlich über 500 Toten, den die USA in Afghanistan, Pakistan, Irak, Syrien, Somalia, Jemen und Libyen ohne UN-Mandat führen, völkerrechtswidrige Angriffe auf Syrien, die Einmischung in Politik und Wahlen zahlreicher Länder durch aus den USA finanzierte „transatlantische Thinktanks“, den Irakkrieg, den Afghanistankrieg, die jährlich über 10.000 Schusswaffentoten in den USA, die weltweite Spionage durch die NSA – um nur die wichtigsten zu nennen.“

Nelles weiß, dass sich der „Führer der freien Welt“ noch nie um Menschenrechte gekümmert hat, dass er Terror hochgezüchtet hat, dass er seine CIA-Hitmen in Länder einschleust, um unpassende Regierungen wegzuputschen, dass er by design Völkerrechtsverletzer in Permanenz ist, dass er mit seinen Kriegen im Nahen Osten Länder zerbombt und zerstört (natürlich ohne Rücksicht auf Frauen und Kinder) und die Flüchtlingsbewegung zu verantworten hat. Er weiß, mit welchen Waffen die USA kämpfen, Napalm in Vietnam, abgereichertes Uran in Jugoslawien und im Irak. Und er weiß, dass sie foltern. Dies in Betracht zu ziehen ist wohl zu viel verlangt von einem Qualitätsjournalisten. Denn Axiome stellt man nicht in Frage.

Fake News statt Beweisen

Gegen Ende stellt Nelles fest:

Alle US-Geheimdienste haben US-Präsident Trump klargemacht, dass sich Russlands Agenten massiv in die amerikanische Wahl eingemischt haben.

Die Korrektur dieser Unwahrheit, die nach mehr als einem Jahr noch immer nicht zu Herrn Nelles durchgedrungen zu sein scheint, veröffentlichte die New York Times am 29. Juni 2017:

(Text anklickbar)

Und Nelles weiter:

Sonderermittler Robert Mueller hat gerade erst gegen zwölf russische Agenten Anklage erhoben, weil sie mutmaßlich in das Computernetz der Demokraten eingedrungen sind. Was tut Trump? Statt den Angriff auf die amerikanische Demokratie durch die Russen zu verurteilen, tut er so, als sei auch das ausgemachter Unsinn. Er stellt das Wort des russischen Präsidenten über die Expertise seiner eigenen Sicherheitsbehörden.

Mutmaßlich. Warum sollte Trump Putin verurteilen, wenn die Vorwürfe nicht bewiesen sind? Expertise der Sicherheitsbehörden. Wer nimmt so einen Mumpitz nach 2003 noch ernst? Expertise, die den Namen verdient, kommt vom früheren technischen Direktor der NSA, William Binney (siehe Video unten), von den unabhängigen (!) IT Spezialisten Adam Carter und dem Forensicator, die allesamt schlüssig nachgewiesen haben, dass es sich auf Grund der Downloadgeschwindigkeit niemals um einen Hack gehandelt haben kann.

Wer es aber in diesen Tagen geschafft hat, die mediale Groteske auf die Spitze zu treiben, ist Richard N. Haass, der Direktor des einflussreichsten und die US-Außenpolitik maßgeblich beeinflussenden Thinktanks, des Council of Foreign Relations.

(Übersetzung: Seit vier Jahrhunderten gründet die internationale Ordnung auf Nichteinmischung in innere Angelegenheiten Anderer und dem Respekt vor Souveränität. Russland hat diese Norm verletzt, indem es die Krim in Besitz genommen und in die US-Wahlen von 2016 eingegriffen hat. Wir müssen Putins Russland als den Schurkenstaat behandeln, der er ist.)

Hierzu dürfte nicht einmal dem Postillon etwas einfallen.

Die echten Axiome

Es gibt sie, die Axiome, die unserer Welt zugrundeliegen. Sie sind festgehalten in der Charta der Vereinten Nationen. Sie heißen unter anderem Völkerverständigung, Frieden und Gewaltlosigkeit. Wer sich wie die Mainstreammedien des Westens mit Haut und Haar, Lügen und vorsätzlichen Weglassungen der Feindbildpflege verschreibt – und hier ist Roland Nelles nur einer unter vielen – und, wie die US-Zeitschrift Politico, unverhohlen nach Krieg gegen Russland ruft („Putin’s Attack on the US is our Pearl Harbor“), der verstößt gegen die Standards, die uns zu zivilisierten Menschen machen. Und bereitet die Rezipienten mental auf die Möglichkeit eines Kriegs vor.

 

RT-Interview mit William Binney zu „Russiagate“ im November 2017, 14:48 Minuten, in englischer Sprache

 

 

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