Multiple kognitive Dissonanzen bei der SPD und ihrer Wählerschaft

Wie mächtig sie sich ins Zeug legten, die Genossinnen und Genossen, in den späten Junitagen beim Parteitag! Mit Verve, Leidenschaft und kämpferischem Engagement warben sie am Rednerpult bis zur Heiserkeit für mehr soziale Gerechtigkeit. Und die Delegierten fingen Feuer und jubelten angesichts der mutigen Rufe nach einer guten Rente, unbefristeten Jobs, gerechten Steuern. Ja, es ist Zeit für mehr Gerechtigkeit!

Der staunende, möglicherweise kopfschüttelnde Phoenix-Zuschauer fragte sich: tun die nur so oder haben die wirklich vergessen? Müssten sie nicht erst mal Seit‘ an Seit‘ vor der Bevölkerung auf die Knie sinken und reuig Abbitte leisten, mit Tränen in den Augen um Verzeihung flehen für den großen Verrat an der eigenen Partei, an der Sozialdemokratie und ihren hoffnungsfrohen Wählern von 1998 ff.? Nichts, nada, niente.

Auch keine Analyse, wie und warum es zum jetzigen Zustand kam, welche Politik es wohl war, die diese Gesellschaft gespalten hat, warum immer mehr Kinder in Armut aufwachsen und eine enorme Altersarmut bevorsteht.  Man schleicht sich aus der Verantwortung und hat die Chuzpe das zu fordern, was man vorher –  vor unser aller Augen – mutwillig zertrümmert hat.

„Es ist Zeit für mehr Gerechtigkeit.“ Will heißen: es gibt auch Zeiten, in denen Ungerechtigkeit angesagt ist. Spezialdemokraten eben, wie Herr Bontrup sie zu nennen pflegt.

Will man den kämpferischen Rednern am Parteitag nicht Heuchelei vorwerfen, bleibt nur die Diagnose multipler kognitiver Dissonanzen.

  • Die verdrängte eigene Urheberschaft der nunmehr beklagten Ungerechtigkeiten.
  • Deutschland hat, was gerne vergessen wird, vor knapp vier Jahren eine rot-rot-grüne Mehrheit in den Bundestag gewählt. Es wurde keine Sekunde eine Koalition auch nur angedacht, in der man problemlos die neoliberale Agenda hätte rückabwickeln können.
  • Die SPD sitzt in der Regierung und besetzt das Sozialministerium. Sie konnte und wollte ihre – angesichts der rot-rot-grünen Mehrheit im Rücken – starke Verhandlungsposition nicht nutzen, um für eine solidarische Gesellschaft, die Bürgerversicherung und eine gerechte Vermögensverteilung zu sorgen.

Eine Menge Dissonanz, die sich da auch bei einem Wähler anhäuft, der eine gerechte Gesellschaft herbeisehnt und glaubt, in ein paar Wochen sein Kreuz bei der SPD setzen zu müssen. Als ob nicht jeder wüsste: Wo SPD drauf steht, ist Merkel drin.

Wer nicht nur kleine Schönheitsreparaturen an einem im Grunde unmenschlichen System, sondern eine grundsolide sozialdemokratische Politik, wie sie in der guten alten Zeit formuliert wurde, sehen möchte, kann mit gutem Gewissen nur das Fleisch vom Fleische der SPD wählen: die Linkspartei.  Mehr kapitalismuskritische Politik mit dem Hauch einer Machtoption ist derzeit (leider) nicht zu bekommen.

 

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