So long, Mr. Spacey

Im Jahre 2003 verfasste ich ein Drehbuch, dessen Story ich zusammen mit einer Cousine entwickelt hatte. Das Script war inspiriert von Kevin Spacey, für ihn geschrieben und ihm gewidmet. Seine virtuelle Dauerpräsenz während der Arbeit machte ihn zu einem vertrauten Freund. Seitdem hängt sein Foto großformatig in meinem Flur, hinter Glas, in der Rolle des Verbal aus The Usual Suspects.

Das Drehbuch sandten wir ihm nach London c/o The Old Vic Theatre, aber es kam nie eine Antwort zurück.

Spacey war für mich, seit ich ihn zum ersten Mal in L.A. Confidential gesehen hatte, einer der ganz Großen im Film, ein schauspielerischer Minimalist, der es schaffte, sein nicht mal besonders schönes Allerweltsgesicht als Projektionsfläche gleichermaßen für Helden und Loser, Vorstadtväter und Serienkiller, gesellschaftlich engagierte Aktivisten und eiskalte Politiker, Alltagsspießer und naive Träumer glaubhaft darzubieten. Neben den beiden oscar-prämiierten Rollen in American Beauty und The Usual Suspects schätze ich ihn besonders in Shipping News, The Life of David Gale und natürlich als Francis Underwood. Mitunter war er bei der Auswahl seiner Rollen schlecht beraten, etwa in Clint Eastwoods Midnight in the Garden of Good and Evil oder Pay it forward (Das Glücksprinzip). Solche Flops wären ihm mit uns natürlich nicht passiert!

Soviel zum Schauspieler Spacey. Es ist seit einiger Zeit bekannt, dass der Mensch Spacey auf Flugpassagierlisten des milliardenschweren, verurteilten Pädophilen Jeffrey Epstein stand, der seine Promigäste (Bill Clinton war mindestens 26 mal dabei) im „Lolita-Express“ auf seine Insel Little St. James flog, wo minderjährige Sexpartner sie erwarteten. So war die Überraschung nicht allzu groß, als Spacey nun aufflog als übergriffiger Grapscher und sexueller Belästiger von Jugendlichen. Besonders widerwärtig erscheint, dass er – dies lässt sich aus der täglich steigenden Zahl von Opfer-Aussagen schließen – seine Machtposition als Hollywood-Star bzw. als künstlerischer Leiter des Old Vic schamlos ausnutzte, um seine Opfer sexuell auszubeuten (und zu traumatisieren).

Nachdem der Schauspieler Anthony Rapp nun in einem Buzzfeed-Interview geschildert hatte, wie er als 14jähriger Spaceys Opfer wurde, setzte dieser einen Tweet mit einem Statement ab, der den ohnehin schon schwelenden Skandal zu einem veritablen Desaster für ihn machte. Er entschuldigt sich brav bei Rapp für den Übergriff, an den er sich nicht erinnert und outet sich anschließend als schwul. Was die weltweite LGBT-Gemeinde, die seit Jahrzehnten an der Klarstellung arbeitet, dass Schwulsein nichts mit Pädophilie zu tun hat, aufbrachte, da der Eindruck entstand, Spacey rechtfertige seinen Missbrauch mit seiner Homosexualität.

Spaceys Statement war sehr ichbezogen und sehr dumm. Und doch psychologisch verständlich. Obwohl seit Jahren alle Welt weiß, dass er schwul ist, hat er immer wieder offensiv behauptet, er sei es nicht. Die Aussage von Anthony Rapp brachte ihn in ein doppeltes Dilemma: Er wurde als Schwuler und als Pädophiler geoutet. Offenbar sah er sich nicht in der Lage, es bei einer Entschuldigung zu belassen, ohne sich gleichzeitig, nach Jahrzehnten der öffentlichen Lüge und Selbstverleugnung zu seiner Homosexualität zu bekennen. Das heißt: er behandelte eigentlich zwei Themen, die – voraussehbar – von den Rezipienten vermanscht und in einen kausalen Rechtfertigungs-Zusammenhang gebracht wurden.

Wie auch immer: Kevin Spacey ist – genau wie Harvey Weinstein – fertig. Rollen wird es keine mehr für ihn geben. Er wird für mich immer der große Künstler bleiben, der er ist, aber das Bild kann in meinem Flur nicht hängen bleiben. Das kommt weg.

 

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