Stefan Braun (SZ-Echokammer) über Sergej Lawrow, den Ganz-Anders-Denker

Ja, Stefan Braun hat recht in seinem SZ-Artikel „Wie Russlands Außenminister die Welt sieht“: Das „moderne Wort von den Echokammern“ zeigt seine reale Bedeutung während der Rede des russischen Außenministers Sergej Lawrow bei der Körber-Stiftung in Berlin. Braun betätigt sich, wie – ad nauseam – seine Kollegen Hans und Kornelius, als loyaler Wächter des mittlerweile fest betonierten atlantischen Narrativs vom bösen Spaltpilz Russland, der mit den Schurken der Welt (Assad & Co.) konspiriert und für Spannungen aller Art in Europa verantwortlich ist.

Das Bemerkenswerte an seinem Bericht über Lawrows Rede ist weniger die Behauptung, der Minister habe in einer „gut 30-minütigen Erzählung, die 30 Jahre Geschichte mal eben ganz anders darstellt“, sondern dass er glaubt, stillschweigend voraussetzen zu können, dass seine Leser allesamt in der SZ-Echokammer zur Untermiete wohnen. Denn es kommt ihm gar nicht in den Sinn, den Aussagen Lawrows auch nur den Hauch eines Arguments entgegenzusetzen. Als wäre Lawrow nach Berlin gekommen, um zu begründen, warum die Erde eine Scheibe sei und sich jegliche Diskussion hierüber wegen Absurdität geradezu verbietet. Ein einziges Mal schreibt er: „Viele Politiker, Wissenschaftler, Geschichtsschreiber im Westen sehen das seit 25 Jahren ziemlich anders.“ Wie ziemlich anders muss er uns nicht mitteilen, denn sein Publikum trägt ja selbstredend die westliche Lesebrille.

„Vielleicht kommt ja doch mal der Tag, an dem Russland wieder versöhnliche Töne anschlägt.“

Die SZ-Echokammer hat offensichtlich keine Fenster. War Putin unversöhnlich beim G20? Ist es nicht vielmehr erstaunlich, dass der Mann überhaupt noch mit dem Westen redet, nachdem man den Russen erst ihre olympischen Spiele in Sotschi madig schreibt, dann wegen der Krim-Sezession vom großen Völkerrechtsbruch schwafelt (während der US-Freund reihenweise ungestraft völkerrechtswidrige Kriege führt, Millionen Menschen tötet und in die Flucht treibt); nachdem man sie wegen der Krim von oben herab mit sinnlosen Sanktionen überzieht und hochkant aus dem G8-Format rausschmeißt? Nachdem man ihnen bar jeden Beweises vorwirft, westliche Demokratien durch Cyberhacks zu destabilisieren und Wahlen zu beeinflussen? Von der gegen alle Absprachen verstoßenden NATO-Osterweiterung und den aggressiven militärischen Aufmärschen an Russlands Grenzen ganz zu schweigen.

Nein, Herr Braun, wir haben den Herren Putin und Lawrow von Herzen zu danken, dass sie (immer noch) gesprächsbereit sind, obwohl der Westen samt seiner regierungsdevoten, Völkerfreundschaft und Entspannungspolitik zerstörenden, Kampagnenjournalismus betreibenden Presse ihr Land permanent demütigt und diskreditiert.

„Moskau habe Vorschläge gemacht, wie eine strategische Partnerschaft aussehen könnte. Aufgegriffen aber habe das im Westen niemand. Im Gegenteil: Die USA und ihre Verbündeten hätten nur ein Ziel verfolgt: „Sich selber zum Sieger zu erklären“. (…) Für Lawrow (…) ist es die ungeschminkte Beschreibung seiner Weltsicht.“

Wie sieht denn Ihre ungeschminkte Weltsicht aus, Herr Braun? Immer raus damit! Warum teilen Sie uns nicht mit, an welcher Stelle Lawrow neben der Realität liegt? Kennen Sie nicht die Reden Putins, die ungezählten Angebote für eine wirtschaftliche, politische und verteidigungsstrategische Zusammenarbeit im europäischen Haus? Ist Ihnen entgangen, dass man sich stattdessen noch enger an den atlantischen Partner gekettet hat, der erklärtermaßen nichts mehr fürchtet als eine deutsch-russische Allianz?

„Für Lawrow ist das zudem nur die Ouvertüre, um auf alle akuten Großkonflikte seine russische Brille zu legen. Das fängt an in der Ukraine, in der er alle Schuld von sich weist und die Verantwortung ganz woanders verortet. Dort nämlich habe es einen Putsch gegeben, angeführt von sehr radikalen Kräften. Doch statt die Opfer des Putsches zu schützen, sei der Umsturz in der Ukraine von Nato und EU befördert worden. Deshalb (und nur deshalb) habe Russland zum Schutze der Menschen im Osten eingegriffen.“

Der Leser soll jetzt wohl empört mit den Augen rollen über so viel Unsinn. Ein Putsch in der Ukraine? Geht’s noch? Es geht. 5 Milliarden Dollar haben die USA in der Ukraine für einen Regimechange investiert.

Aus einem Telefongespräch der auf dem Maidan Cookies verteilenden Victoria Nuland wissen wir, dass die USA Jazenjuk als Ministerpräsidenten installieren würden. Senator McCain, die CIA und die Faschisten gaben sich in Kiew die Klinke in die Hand. Und die EU hat beste Vorarbeit geleistet, die Ukraine aus dem Einflussbereich des „natürlichen“ Partners Russland loszulösen, indem man ein Handelsabkommen unterschreiben wollte, das Russland ausschloss. Ein klassischer, US-gesteuerter Putsch, en détail dokumentiert. Die Janukovich-Hochburgen Lugansk und Donezk wehrten sich dagegen, wurden von Kiew militärisch bekämpft und erhielten daraufhin und auf Wunsch logistische und humanitäre Hilfe aus Russland, was allemal näher liegt als eine CIA-Operation auf ukrainischem Boden. Nur nebenbei: Russland hat nach dem Putsch 1 Million Flüchtlinge aus der Ukraine aufgenommen.

Last not least: das Thema Syrien.

„Kompromisslos anders denkt Lawrow auch beim Thema Syrien. Moskau helfe Assad? „Nein!“, behauptet der russische Außenminister. Moskau habe nur das Ziel, eine Wiederholung der Umsturzversuche im Irak und in Libyen zu verhindern.“

Nun könnte Stefan Braun natürlich behaupten, Lawrow und Putin, der immer wieder betont hat, es ginge in Syrien nicht um die Person Assad, sondern um die Bewahrung der Staatlichkeit, würden lügen. Dann möge er hierfür bitte Anhaltspunkte liefern. Wir haben im Irak und in Libyen durch Kriege herbeigeführte Regimewechsel gesehen, die beide Länder in heilloses Terror-Chaos gestürzt haben. Jeder vernunftbegabte Mensch kann hier nur mit Albert Einstein sagen: „Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.“ Aber vielleicht will Herr Braun ja gar kein anderes Ergebnis.

Lawrows Bitterkeit ist nur allzu verständlich, seine Aussagen sind allesamt umfassend belegt. Stefan Braun hingegen hat dem nichts entgegenzusetzen außer einem schon fast dogmatisch-religiösem: Lawrow denkt anders als wir, die Guten und Wahrhaftigen. Wer ausblendet, dass Russland jahrelang – geradezu auf Knien – um Zusammenarbeit gebeten hat und vom Westen brüsk zurückgewiesen wurde (Ausnahme Raumfahrt); wer verdrängt, dass man Russland das Recht auf eigene Interessen abspricht und das Land in den letzten Jahren systematisch zum NATO-Feind aufgebaut hat; wer es nicht einmal mehr für nötig hält, sich auf Lawrows Argumente inhaltlich einzulassen, sollte einmal überprüfen, wessen Echo wohl diesen unreflektierten Artikel diktiert hat.

 

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