Das QAnon-Phänomen oder Wie sag ich‘s meinem Kinde?

Als Pique Dame ein fünfjähriges Mädchen war, versuchte Pique Mutter sie behutsam darüber aufzuklären, dass die Geschichte mit dem Christkind zwar schön, aber halt doch leider nur eine Erfindung sei. Die Kleine schaltete stante pede die Ohren auf stumm und verweigerte sich rigoros dieser unfrohen Botschaft, da Weihnachten und das ganze Drumherum nicht nur der Höhepunkt des Jahres war, sondern auch für das große Welt-Geheimnis, das Numinose schlechthin stand.

Ein erneuter Versuch im Jahr darauf konnte den kindlichen Widerstand brechen und stürzte das Mädchen in eine kalte, christkindlose Welt.

Szenenwechsel: Die große Enttäuschung

Millionen von US-Amerikanern wählten am 8. November 2016 einen Mann zum Präsidenten, der ihnen hoch und heilig versprach, den (Korruptions-)Sumpf auszutrocknen, Hillary & Friends einzuknasten, Länder jenseits der beiden großen Meere in Ruhe zu lassen und #MAGA. Nach geschlagenen 354 Tagen Präsidentschaft lief Hillary Clinton immer noch frei herum, die Demokraten hatten dem Präsidenten inzwischen einen Sonderermittler auf den Hals gehetzt, der Deep State schien deeper denn je, und Afghanen und Syrer bestaunten die Krater Trumpscher beautiful bombs.

Trommelwirbel: Auftritt Q

Und es begab sich, dass am 28. Oktober 2017 auf dem Internet-Forum 4Chan ein Heilsbringer erschien, ein Wesen, eine Entität, vielleicht sogar eine Drei- bis Zehnfaltigkeit namens Q; da niemand seine/ihre Identität kennt, auch QAnon(ymous) genannt. Der Buchstabe soll – so wird spekuliert – auf Q-Clearance verweisen, eine hohe Sicherheitsstufe für Beamte in der US-Administration.

Wie einst George Washington, der Weihnachten 1776 den eisigen Delaware Fluss überquerte, um eine entscheidende Schlacht zu gewinnen, stürmte Q die (rechts-)alternative Öffentlichkeit und flutete das Forum mit merkwürdigen Posts unter der Überschrift „Calm Before the Storm“ (ein Trump-Zitat),  gleichsam als erklärender Intermediär zwischen Donald Trump und seinen hoffnungsfrohen, endlich Taten erwartenden Anhängern. Schon kurze Zeit später wurde die Q-Gefolgschaft mit mehreren Hunderttausend beziffert, mittlerweile dürfte sie im Millionenbereich liegen. Also weit mehr als eine Randerscheinung. Selbst die New York Times hat sich des Phänomens angenommen.

Die Botschaft

Die Q-Botschaften (*) sind kryptisch formuliert, oft in Fragen gekleidet und mit (scheinbaren) Zahlencodes angereichert. Im Sprachstil imitieren sie die Rätsel, die im Internet unter dem Namen Cicada 3301 firmieren. Cicada 3301 schreibt Rätsel im Netz aus, manche vermuten, um für den Geheimdienst kluge und kreative Köpfe zu rekrutieren. Das letzte lautete: „Hello. Epiphany is upon you. Your pilgrimage has begun. Enlightenment awaits.“

Im Grunde geht es bei QAnon darum, die enttäuschten Trump-Aficionados bei der Stange zu halten. Denn Trump ist ein Genie, ein 3D-Schachspieler, dessen strategisches Denken allen himmelweit voraus ist. Auf die Weise wird jeder noch so dämliche Tweet, jede noch so peinliche Personalentscheidung, jede noch so gefährliche Handlung umgedeutet nach dem Motto: Wartet nur ab, habt Vertrauen, Trump weiß, was er tut.

Q gibt angebliche „intelligence“ aus den Tiefen des Staats preis und betreibt auch die Vorhersage von Ereignissen, wobei er horoskopartig schwammig formuliert, auf dass es immer irgendwie passt. Sein Publikum fragt ihn mitunter andächtig nach der Zukunft, als spräche Trump-Apollo himself durch das Orakel von D.C.

Wirkung

Ein großer Teil der US-Gesellschaft spürt ein tiefes Unbehagen, was zur Wahl eines Donald Trump geführt hat. Die Erzählungen, die God’s own country ausmachen, brechen reihenweise weg. Eine Wirtschaft, die sich nur noch durch permanente Kriege über Wasser hält, Armut, Totalüberwachung, undurchsichtige Entscheidungen in Administration und Justiz, Einschränkung der Meinungsfreiheit… Enough is enough ist laut und deutlich zu vernehmen.

Da kam QAnon gerade recht. Ob er nun ein zynischer Witzbold ist, der die Menschen hinter die Fichte führt, oder tatsächlich ein strammer Patriot mit Geheimdiensthintergrund oder physischer Nähe zu Trump, sei dahingestellt. Auf jeden Fall versteht er es gleich einem Sektenführer, die Leute hinter sich zu versammeln. Er operiert mit kodierter Sprache, die ein Uneingeweihter nicht versteht (Beispiel: Clowns In America = CIA) und schweißt auf diese Weise die Anhänger zusammen. Ungezählte YouTuber beschäftigen sich Tag für Tag in teilweise stundenlangen Videos mit der Interpretation der Botschaften, laden sogar Qs Tippfehler mit Bedeutung auf und versuchen, Zahlenreihen zu entschlüsseln. Sogar die irrsinnigen Tweets, mit denen Trump seine netten, smarten Bomben ankündigt, werden noch zur Friedensbotschaft umgebogen. Jede Menge Websites wie diese wurden nur ins Leben gerufen, um die Texte zu enträtseln, Internetforen wie Reddit beherbergen große Q-Communities: Eine Massen-Schnitzeljagd im Netz.

The Great Awakening

Auf Kritik und Skepsis bezüglich Q reagieren die Fans, indem sie ihre Ohren stante pede auf stumm schalten und sich der unfrohen Botschaft rigoros verweigern…

Ja, bezeichnen wir dieses Phänomen doch als das, was es ist: Regression. Statt wie Erwachsene zu reagieren und sich einzugestehen, dass es kein Christkind gibt Trump nicht der ist, wofür man ihn gehalten hat oder – alternativ – er einfach machtlos ist, klammert man sich kindhaft an den Rockzipfel einer anonymen (Kult-)Figur, die auf höchst durchschaubare Weise die Leute auf Trump-Kurs halten möchte.

Inzwischen läuft das Q-Projekt unter dem Motto „The Great Awakening“. Das möchte man den Amerikanern wünschen – nur in einem ganz anderen als dem gemeinten Sinne.

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