Spotlights 2017 – Brechende Dämme

2017 war leider kein gutes Jahr für Politik, Weltfrieden und Meinungsfreiheit.

The Real Donald Trump

Die tickende Zeitbombe und dauertwitternde, stil-und kulturlose Dumpfbacke im Weißen Haus, die während des Wahlkampfs etwas von Beendigung der interventionistischen Politik daher gelogen hat, bringt seit Januar den Globus weiter gefährlich aus dem Gleichgewicht. Alte Feindschaften – Nordkorea, Iran – werden ohne Not aufgewärmt, offenbar um die lebenswichtige Rüstungsindustrie am Laufen zu halten. Die Anerkennung von Jerusalem als Israels Hauptstadt ist der vorläufige Gipfel der gemeingefährlichen Trumpschen Politik: Nicht nur, dass er die Palästinenser brüskiert und mutwillig heftige anti-israelische Ressentiments schürt; er katapultiert sein Land als Verhandlungspartei mit dieser Entscheidung auch aus dem Prozess für eine Lösung der Probleme. Ein fatales Symbol, das den USA und Israel noch um die Ohren fliegen könnte. Und wer glaubt, durch den Ausstieg aus UNO-Institutionen (UNESCO, UNHCR) America great again zu machen, hat sowieso nichts verstanden.

Auf den gleichzeitig stattfindenden Versuch der Clinton-Truppe samt der ihr zugeneigten Presse, den Präsidenten auf obsessive, ungeschickteste und schmutzigste Weise aus dem Amt zu jagen, wird nächstes Jahr eingegangen.

Merkels Hängepartie

Noch führt Merkel die Geschäfte im Kanzleramt. Ob sie nach Ostern noch Kanzlerin sein wird, ist nicht gesichert, eine erneute Große Koalition unter ihr ebenso wenig. Neuwahlen mit Merkel an der CDU-Spitze bedeuteten ihr unrühmliches und beschämendes Ende, das ist sicher. Mein ehrlicher Neujahrswunsch für Merkel: Geh mit Gott, aber geh. Gebt ihr eine Talkshow zum Moderieren. Aber  lasst wieder Politik und politische Projekte ins Kanzleramt einziehen. Und es wird ein hörbares Auf- und Durchatmen durch ganz Europa gehen.

Medien und Meinungsfreiheit

Die Mainstream-Medien zeigen sich völlig unbeeindruckt von der weiterhin wachsenden Kritik an der eklatanten Einseitigkeit ihrer Berichterstattung.  Im Gegenteil: man ist zum Gegenangriff übergegangen und verweist auf das Problem fake news in den social media. Mit gravierenden Folgen wie Zensur, Account-Löschungen, Demonetarisierung von YouTube-Videos etc. Dass es gar nicht immer um fake news geht, die von den MSM übrigens zu Hauf produziert werden (gerade im Zusammenhang mit Russiagate), sondern um Weglassungen, Dekontextualisierung, atlantische Parteinahme, verkürzte Kausalketten usw., wird geflissentlich ignoriert. Zwei Beispiele aus dem Kampagnen-Journalismus von Spiegel online:

Überschrift: „Irans gefährlicher Siegeszug: Die iranische Führung knüpft geschickt neue Bündnisse, stärkt ausländische Milizen – und setzt aggressiv ihre Interessen durch. Die Regionalmacht destabilisiert den gesamten Nahen Osten.“ Wir haben es hier mit einer verkürzten Kausalkette zu tun: Der Spiegel-Autor unterschlägt, dass die USA spätestens ab 2003 den Nahen Osten in Brand gesetzt haben und unterstellt, dass der Iran nun die Region „destabilisiert“.

Überschrift: Putin weitet „Sapad“-Manöver an Nato-Ostgrenze aus. Parteiische Sichtweise: Wenn Russland ein Manöver an seiner Westgrenze durchführt, nennt der Spiegel-Autor diese Region „Nato-Ostgrenze“. Ist das seriöser Journalismus oder kann das weg?

Die Jebsen-Affäre und die verrückte Antisemitismus-Debatte

Persönlich getroffen war die Autorin 2017 am meisten von der unsäglichen Reaktion des Berliner Kultursenators Klaus Lederer (Die Linke) anlässlich der Verleihung eines Blogpreises an den alternativen Journalisten und Friedensaktivisten Ken Jebsen. Lederer setzte das subventionierte Babylon-Kino als Veranstaltungsort der Preisverleihung unter Druck:

Ich bin entsetzt, dass ein Kulturort in Berlin diesem Jahrmarkt der Verschwörungsgläubigen und Aluhüte eine Bühne bietet. Vom Geschäftsführer des Kinos Babylon würde ich mir angesichts dessen die Courage wünschen, zu sagen: Als Plattform für diesen Wahnsinn stehen wir nicht zur Verfügung.

Er unterstellt Jebsen auf Facebook

offenen, abgründigen Israelhass, die Verbreitung typisch antisemitischer Denkmuster und kruder Verschwörungstheorien.

Wer Ken Jebsen in den letzten Jahren auf YouTube verfolgt hat, erkennt, dass hier rhetorisch alle Dämme brechen.

Hier muss nicht noch einmal nachgewiesen werden, dass Jebsen kein Antisemit ist. Im Gegenteil, wahrscheinlich gibt es keinen Journalisten, der so oft wie er das Holocaust-Thema behandelt hat. (9 Jahre wöchentlich auf RBB) Verwiesen sei außerdem auf den Artikel Ketzer Ken und den dort verlinkten Blogartikel zur Intrige von Henryk M. Broder. Wirklich schockierend ist, was Klaus Lederer und leider auch Petra Pau, deren Engagement gegen Rechtsextremismus vorbildlich war,  entweder unwissend oder bösartig Ken Jebsen unterstellen. Jenseits davon beleidigt Lederer KenFM-Gäste von Moshe Zuckermann über den „Hitlerjungen Salomon„, Elias Davidsson, Eva Hecht-Galinski – als jüdische Gesprächpartner – zu Linken wie Daniela Dahn, Dirk Pohlmann, Hermann Ploppa, Rainer Mausfeld und vielen, vielen Anderen, die offenbar zu dumm sein sollen, um zu erkennen, dass sie sich von einem Antisemiten interviewen lassen.

Zu danken ist dem Politiker der Linken, Wolfgang Gehrcke, der sich hier eindeutig gegen Lederer positioniert hat.

Bei allem Respekt vor den Linken Diether Dehm, Wolfgang Gehrcke und Christiane Reymann, die alle schon bei Ken Jebsen im Keller saßen: Nach diesen unfassbaren Aussagen, mit denen entweder durch (bewusste, weil nicht recherchierte) Unwissenheit oder durch niederträchtige Motive ein Mensch wie Ken Jebsen, der die Friedensarbeit erledigt, die eigentlich der Linkspartei obliegt und die sie seit Jahren vernachlässigt,  fertig gemacht werden soll, sieht sich die Autorin dieses Blogs, eine Linksparteiwählerin der ersten Stunde, nicht mehr in der Lage, dieser Partei die Stimme zu geben. Und das nicht ohne Wehmut. Die offizielle Haltung der Partei gegenüber Ken Jebsen ist schändlich, idiotisch und dumm. Sie spaltet und schwächt die politische Linke.

Die Antisemitismuskeule wird weiter hemmungslos geschwungen als Mittel, um Kapitalismus-, System- und Israelkritik zu ersticken. Ein besonders perfides Beispiel lieferte in der Frankfurter Rundschau ein Christian Bommarius mit dem Artikel „Antisemitismus ist eine deutsche Tradition“, in dem er unter brutalstmöglicher Ausblendung des Kontextes dem linken Bundestagsabgeordneten Diether Dehm die Meinung unterstellt, Antisemitismus fände erst statt, wenn Konzentrationslager errichtet würden. Dankenswerterweise hat Daniela Dahn im Neuen Deutschland eine brillante Replik hierzu veröffentlicht. Die Parteiführung der Linken hat sich für Dehm eingesetzt, nicht aber für Jebsen und dessen Verteidiger Gehrcke.

Die unselige Gleichsetzung von Israelkritik und Antisemitismus muss endlich gestoppt werden.

Aus München alle guten Wünsche für 2018! Möge das neue Jahr uns einen Schritt weiter in Richtung Weltfrieden und Völkerverständigung bringen.

 

Dieser schöne Aphorismus steht auf Uncut News

3 Antworten to “Spotlights 2017 – Brechende Dämme”

  1. routard sagt:

    Ich kann mich fast allen Ihren Urteilen und Schlussfolgerungen anschliessen, nur nicht Ihrer Wertung der US-Politik unter Trump. Was ist denn so schlimm daran, wenn die USA ihre Vermittlerrolle aufgeben? War es denn jemals eine Vermittlerrolle? War nicht der Staat Israel seit Mitte der 60er Jahre eher eine Art terrestrischer Flugzeugträger der US Nahostpolitik? Wenn also durch die Anerkennung Jerusalems, mit der Trump doch nur nachvollzog, was längst in den USA beschlossen worden war, die US Rolle endete, wäre das nicht eigentlich gut für alle Friedensfreunde dieser und unserer Region?

    • Pique Dame sagt:

      Danke für den Kommentar! Wer von uns beiden näher an der Wahrheit liegt, wird – glaub ich – nur die Zukunft weisen.
      Ich fände es wichtig, wenn US-Präsidenten (wer sonst?) Israel bremsen statt sie in ihrer Politik zu bestärken. Das meinte ich mit vermittelnd.

  2. routard sagt:

    Ihr Vorschlag (eine Hoffnung?), die USA sollten Israel bremsen, bedeutet, daß der Feuerleger zum Feuerwehr-Oberbrandmeister ernannt werden soll. Aus welchen historischen Tatsachen schließen Sie, daß es anders ist?

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